Wenn aus Kolleg:innen Mitarbeitende werden 

Warum Führung übernehmen einen Rollenwechsel im Team bedeutet 

 

Gestern haben Sie mit Ihren Kolleg:innen noch gemeinsam nach einer Lösung gesucht, über Prioritäten diskutiert oder sich in der Kaffeeküche über den Arbeitsalltag ausgetauscht. Heute sind Sie ihre Führungskraft. 

Von außen betrachtet hat sich zunächst wenig verändert. Sie arbeiten mit denselben Menschen, im selben Büro und an denselben Themen. Und doch ist plötzlich vieles anders. Die Veränderung zeigt sich oft leise: im ersten Teammeeting nach der Beförderung, in einer Entscheidung, die nicht mehr gemeinsam getroffen wird, oder in einem Gespräch, das vorsichtiger verläuft als früher. 

Der eigentliche Rollenwechsel findet nicht im Organigramm statt. Er findet in den Beziehungen statt. Und wer innerhalb des eigenen Teams Führungsverantwortung übernimmt, erlebt einen besonderen Rollenwechsel. Nicht, weil sich die Persönlichkeit verändert, sondern die Erwartungen der anderen. 

Mit der neuen Rolle ordnet sich das Beziehungsgefüge im Team neu. Die Person bleibt dieselbe. Aber an ihre neue Rolle sind nun andere Erwartungen geknüpft. 

Rollen geben Orientierung 

Der Soziologe Niklas Luhmann beschreibt Rollen als Bündel sozialer Erwartungen. Rollen helfen dabei, Orientierung in sozialen Systemen zu schaffen. Sie machen deutlich, was andere voneinander erwarten können und vereinfachen die Zusammenarbeit. 
Mit einer Beförderung verändert sich deshalb nicht nur die Stellenbeschreibung. Die Kollegin von gestern wird zur Führungskraft von heute. Entscheidungen werden ihr zugeschrieben, Informationen erreichen sie auf anderen Wegen und ihre Aussagen erhalten ein anderes Gewicht. 

Gleichzeitig richtet sich der Blick auch nach innen. 

  • Welche Erwartungen gehören zu meiner neuen Rolle? 
  • Welche Verantwortung übernehme ich jetzt? 
  • Und welche Erwartungen möchte ich bewusst erfüllen oder auch begrenzen? 

Führung beginnt dort, wo diese Fragen bewusst reflektiert werden. 

 

Warum Authentizität manchmal missverstanden wird 

Viele neue Führungskräfte versuchen zunächst, möglichst wenig zu verändern. Sie möchten nahbar bleiben, kollegial auftreten und die gute Beziehung zum Team bewahren. 

Das ist verständlich. Doch das Team erlebt den Rollenwechsel bereits, unabhängig davon, ob die neue Führungskraft ihn selbst schon angenommen hat. Authentizität zeigt sich darin, die neue Verantwortung bewusst anzunehmen und sie transparent zu gestalten. Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass alles beim Alten bleibt. Es entsteht dort, wo Menschen wissen, woran sie sind. Rollenklarheit schafft diese Orientierung. 

Warum Führungstools allein nicht ausreichen 

Wer zum ersten Mal Führungsverantwortung übernimmt, sucht häufig nach Methoden für Feedbackgespräche, Konfliktklärung oder schwierige Entscheidungen. Das alles kann hilfreich sein. Und dennoch erlebe ich in der Praxis immer wieder, dass dieselbe Methode bei zwei Führungskräften völlig unterschiedlich wirkt. 

Der Unterschied liegt selten in der Technik. Er liegt in der Klarheit über die eigene Rolle. 

Eine Führungskraft, die ihre Verantwortung angenommen hat, führt ein anderes Gespräch als jemand, der innerlich noch versucht, gleichzeitig Kolleg:in, Vermittler:in und Führungskraft zu sein. Werkzeuge entfalten ihre Wirkung erst dann, wenn klar ist, aus welcher Rolle heraus sie eingesetzt werden. 

 

Fazit 

Viele neue Führungskräfte glauben, sie müssten vor allem lernen, schwierige Gespräche zu führen, Konflikte zu lösen oder bessere Entscheidungen zu treffen. 

All das gehört zur Führungsaufgabe. 

Der eigentliche Rollenwechsel wird aber in Beziehungen erlebt. Die sich nämlich verändern, unabhängig davon, ob wir diesen Rollenwechsel bewusst gestalten oder nicht. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob sich etwas verändert, sondern wie bewusst wir die neue Rolle annehmen und gestalten. 

 

Reflexionsfragen für Ihren Führungsalltag 

Vor oder nach einem Gespräch mit Ihrem Team können diese Fragen hilfreich sein: 

  • Welche Erwartungen richtet mein Team an mich, die es vor meiner Führungsaufgabe noch nicht gab?
  • In welchen Situationen handle ich noch aus meiner früheren Kolleg:innenrolle? Und wann ist das hilfreich, wann eher hinderlich?
  • Welche Erwartungen verbinde ich selbst mit meiner Führungsfunktion? Und welche davon helfen mir, Orientierung zu geben?